Mein Interview mit Paul Maar

KinderinderAustsellung (4)photoshop
Paul Maar signiert in der Sams-Ausstellung Bücher für junge Leserinnen; Foto: Carolin Breckle

Seit dem ersten Juni könnt Ihr in unserer Familien-Ausstellung „Das Sams und die Helden der Kinderbücher“ auf Entdeckungstour durch Buchlandschaften Eurer Kindheit gehen! Dabei trefft Ihr nicht nur Eure Kinderbuchhelden und erkundet Schauplätze aus Euren Lieblingsgeschichten, sondern Ihr lernt auch etwas über die Schöpfer all dieser Geschichten. Dem Schöpfer der Sams-Geschichten und vieler weiterer Werke, Paul Maar, ist diese Ausstellung zu Ehren seines 80. Geburtstags gewidmet. Am Tag der Eröffnung, an dem übrigens auch sein Sams anwesend war, durfte ich Ihm persönlich ein paar Fragen stellen! Das Ergebnis dieses Interviews könnt Ihr hier nachlesen:

Welche Bücher haben Sie als Kind gerne gelesen und warum?

Ich stamme aus einem Elternhaus – ich muss genauer sagen einem Vaterhaus – in dem Lesen verpönt war. Ich hatte keine Kinderbücher. Wenn mich mein Vater mit einem Buch sah – ich lieh mir manchmal welche aus der Bibliothek aus – dann fand er immer eine Arbeit, um mich vom Lesen abzuhalten. Er hielt das Lesen für Zeitverschwendung. Deswegen hatte ich auch keine Kinderbücher. Er verbot mir das Lesen jedoch nie explizit.

Ich habe gehört, dass Sie bei einem Freund gelesen haben.

Das stimmt. Das war in der Nachkriegszeit, in Schweinfurt, wo ich aufgewachsen bin. Da gab es das sogenannte „Amerika-Haus“, gegründet von den amerikanischen Besatzungsmächten. In der Zeit des Nationalsozialismus durfte man keine ausländischen Bücher lesen. Die angelsächsische Literatur wie zum Beispiel Bücher von Hemingway, Faulkner und Thornton Wilder kannte man nicht. Die Amerikaner wollten diese Bücher den deutschen Lesern nahebringen. Sie gründeten dazu im „Amerika-Haus“ eine große Bibliothek mit amerikanischen Büchern in deutscher Übersetzung, die man sich kostenlos ausleihen konnte. Ein Freund, der von meiner Leseleidenschaft wusste, empfahl mir das „Amerika-Haus“. Er erzählte mir, ich könnte mir dort kostenfrei einen Leseausweis besorgen. Dazu müsste ich nur meinen Namen angeben und mit diesem Ausweis könnte ich mir immer Bücher ausleihen. Ich müsste jedes Mal lediglich eintragen, welches Buch ich ausleihe. Und da nahm ich mir dann immer so viele Bücher mit, dass die halbe Büchertasche voll war. Dann schleppte ich die Bücher zu meinem Freund und deponierte sie dort. Er spielte meistens mit seinem Bruder draußen Fußball, wenn es ein schöner Nachmittag war. Ich saß drinnen auf der Couch und las meine Bücher.

Und welche Bücher haben Sie sich dann ausgeliehen?

Im „Amerika-Haus“ gab es leider keine Kinderbücher, sondern nur Bücher für Erwachsene. Ich mochte zum Beispiel gerne Hemingway, obwohl ich vieles nicht verstand. Hemingway schreibt oft über mehrere Seiten nur in wörtlicher Rede. Anfangs schreibt er noch immer, wer spricht, aber dann denkt er wohl, dass der Leser jetzt wisse, dass es immer abwechselnd ist. Ich war jedes Mal spätestens nach anderthalb Seiten verwirrt, wer gerade spricht und schrieb immer mit Bleistift an den Rand vor einer wörtlichen Rede den Anfangsbuchstaben des Sprechenden. Leider entdeckte die Bibliothekarin meine Notizen und so musste ich meine Anmerkungen ausradieren. Sie drohte mir auch damit, keinen Leseausweis mehr zu bekommen, sollte ich nochmal etwas in ein Buch schreiben.

Man sagt immer, dass in jedem Werk eines Autors etwas von ihm selbst steckt. Finden Sie, dass dies auch auf Ihre Bücher zutrifft? Haben Sie zum Beispiel ein „inneres Sams“?

Ich habe eher einen „inneren Herrn Taschenbier“ in mir, weil ich als Jugendlicher während und auch ein bisschen nach der Pubertät extrem schüchtern war und mich ein bisschen wie Herr Taschenbier fühlte. Das war vielleicht auch durch diesen sehr autoritären, strengen Vater bedingt. Ich stellte mir schon damals, gewissermaßen als unsichtbaren Freund, nicht explizit das Sams, aber so ein Wesen vor, das mir beiseite steht. Dieses Wesen war das genaue Gegenteil von Herrn Taschenbier.

Das heißt, dass die Idee der Figur des Sams‘ ihren Ursprung in Ihrer Jugendzeit hat?

Auf jeden Fall. Dazu kam noch, dass mein Vater einen Buchhalter hatte, den ich jeden Tag sah. Dieser war genauso, wie ich Herrn Taschenbier beschrieben habe. Als Jugendlicher dachte ich immer, dass ich nicht so werden möchte wie er: immer nur ja sagen, nicken, nie ein Widerwort geben und schüchtern sein. Als Kind oder auch als Jugendlicher überlegte ich mir, wenn ich ihm bloß ein bisschen mehr Lebensfreude geben könnte… Das schafft man natürlich nicht. Aber als erwachsener Autor konnte ich ihn zum Leben erwecken, ihm den Namen Taschenbier geben – er hieß ja anders – und ihm ein Wesen zur Seite stellen, das das Gegenteil von ihm ist. So entstand das Sams.

Was würden Sie einem jungen Menschen hinsichtlich des Schreibens mit auf den Weg geben?

Ich würde sagen, dass man auf jeden Fall immer „ausprobieren, ausprobieren, ausprobieren“ sollte. Man sollte immer schreiben und immer das Geschriebene aufheben, auch wenn man das Gefühl hat, dass es nichts geworden ist. Später, wenn man das nach 14 Tagen liest, stellt man fest, dass es doch einige gute Stellen gibt, die man übernehmen kann. Außerdem sollte man das schreiben, was einem am Herzen liegt. Das lege ich immer jungen Autoren ans Herz, die mich fragen, was sie schreiben sollen. Ich weiß, dass die Verlage heute häufig Vorgaben machen. Sie sagen, im Moment würden Einhörner und Drachen gut laufen und schlagen vor, dass das nächste Buch doch vielleicht mal von einem Einhorn handeln könne. Dann kann es aber natürlich vorkommen, dass bis der Autor dieses Buch geschrieben hat und es gedruckt wurde, die Einhörner wieder aus der Mode sind und er auf seinem Einhorn-Buch sitzen bleibt. Darum sage ich immer: Wenn Jemand schreibt, hat er eigentlich ein inneres Anliegen: Entweder er will eine Geschichte erzählen oder er will seine Leser zum Lachen bringen. Oftmals erzählt ein Autor auch aus der eigenen Vergangenheit. Zum Beispiel berichte ich in meinem Buch „Kartoffelkäferzeiten“ von meiner Jugend in einem fränkischen Dorf. In dem Buch „Andere Kinder wohnen auch bei ihren Eltern“ erzähle ich von meiner Kindheit, als ich bei meinen Eltern wohnte, mich jedoch etwas ungeliebt fühlte. Man erzählt sehr viel von sich und das empfehle ich auch immer jungen Autoren.

Und, dass man sich treu bleibt!

Ja, genau!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s